Marzahn-Hellersdorf – viel mehr als Platte

Der Parkfriedhof Marzahn

 

5. Der Parkfriedhof Marzahn

Wiesenburger Weg 10, 12681 Berlin

Öffnungszeiten: täglich von 7.00 Uhr bis zum Einbruch der Dunkelheit
Start: S-Bahnhof Marzahn (S 7, M 6, 7, 17, Bus 154, 191, 194, 195, 291)
Ziel: S-Bahnhof Raoul-Wallenberg-Straße (S 7, Bus X 154,  291)
Tourencharakter: Leichter Spaziergang in schattigen Alleen mit vielen Möglichkeiten zum Ausruhen, Wege für Rollstuhlfahrer geeignet
Zeit: 1 bis 2 Stunden

Wir verlassen den S-Bahnhof Marzahn über die Fußgängerbrücke in Richtung Wiesenburger Weg und laufen zum Haupteingang des Friedhofes.
Der Friedhof Marzahn mit einer Größe von ca. 21 ha wurde am 29. November 1909 als Armenfriedhof übergeben. Er weist typische Merkmale eines Parkfriedhofes auf. Diese Friedhofsanlagen bestehen meist aus rechteckigen, durch baumbestandene Hauptwege gegliederte Grabanlagen (s. Anlage 5).
Friedhöfe stellen durch ihre stark strukturierte Vegetation (Bäume, Sträucher, Hecken, Grabanlagen und Rasenflächen) einen wichtigen Bestandteil des Biotopsystems einer Stadt dar. Durch diese Vegetationsstruktur und die relative Ungestörtheit sind sie wertvolle Rückzugsgebiete für Pflanzen und Tiere. Aufgrund der besonderen Bodenverhältnisse (hoher Humusanteil, gut gelockerter Boden und eine hohe Wasserkapazität) ist der Anteil an nährstoffliebenden Pflanzen verhältnismäßig hoch.

Der Parkfriedhof Marzahn zeichnet sich durch einen besonders dichten Baumbestand aus. Einen ersten Eindruck vom Parkcharakter des Friedhofes erhält man bereits beim Durchschreiten des Eingangstores. Vor uns erstreckt sich der Hauptweg, der durch zahlreiche großkronige Laub-bäume gesäumt ist. Wir finden hier im vorderen Teil die Rote und die Gemeine Roßkastanie, im mittleren Teil Gemeine Birken und im hinteren Teil bis zum Rondell Serbische Fichten, Rot-Eichen, Gemeine Birken, Eschen und Gemeine Fichten. Hinter dem Rondell sind hauptsächlich Krim-Linden gepflanzt, die sicherlich in Bezug zum dort vorhandenen Sowjetischen Ehrenhain stehen.

Westlich vom Eingang befindet sich die Feierhalle des Friedhofs (1), über deren Entstehungsjahr widersprüchliche Angaben existieren (erbaut 1909 oder 1911).
Auf der Ostseite des Friedhofes, gleich links hinter dem Blumenrondell, steht eine etwa 80 Jahre alte Sommer-Linde (2). Ihr Stamm ist durch breitflächige Koniferen verdeckt. Für diesen stattlichen Baum wurde bereits die Unterschutzstellung als Naturdenkmal beantragt.
Schwurhand, die an 3330 Opfer des Bombenterrors im II. Weltkrieg erinnert Mehrere Gedenksteine auf dem Friedhof erinnern an die Opfer des I. und II. Weltkrieges. Neben der Feierhalle, vor einem Kriegsgräberfeld, steht die Schwurhand des Bildhauers Erwin Kobbert (3), die an 3330 Opfer des Bombenterrors im II. Weltkrieg erinnert. Das Mahnmal wurde in den Jahren 1951 bis 1952 geschaffen.
Am 11. Oktober 2001 wurde auf dem Parkfriedhof Marzahn der Grundstein (4) für einen Gedenkstein gelegt. Geplant ist ein Granitblock mit einer Gedenktafel, die an die Vertreibung der Russlanddeutschen im Jahre 1941 durch Stalin erinnern soll. Er befindet sich gegenüber der Schwurhand auf der Ostseite des Friedhofs.
Weiter nördlich, inmitten einer Grünanlage, wurde 1991 ein Folienteich (5) angelegt. Er wurde mit Sumpf- und Wasserpflanzen bepflanzt. Durch starke Trittbelastung im Uferbereich sind viele Pflanzen nicht mehr vorhanden. Andererseits siedelte sich im Laufe der Jahre eine Spontanvegetation an, so dass

5.1 Schwurhand, die an 3330 Opfer des Bombenterrors
aus dem II. Weltkrieg erinnert

der Uferbereich trotzdem einen erfreulichen Anblick bietet. So können Breit- und Schmalblättriger Rohrkolben, Sumpfdotterblume, Wasser-Schwertlilie, Kalmus, diverse Binsen, Gefleckte Gauklerblume u. a. entdeckt werden.
Blick auf den Folienteich auf der Ostseite des Parkfriedhofs

5.2 Blick auf den Folienteich auf der Ostseite des Parkfriedhofs

Im Teich selbst blühen Weiße Seerosen; wir finden außerdem Ähren-Tausendblatt, Lanzett-Froschlöffel, Laichkraut u. a. Aufgrund des hohen Nährstoffgehaltes im Gewässer und der Sonneneinstrahlung ist die Algenbildung relativ groß. Diese Algenschicht und die großen Blätter der Weißen Seerose bieten den Teichfröschen eine gute Unterlage für Sonnenbäder. Sogar die geschützte Ringelnatter jagt gelegentlich in diesem Feuchtgebiet. Darüber hinaus sind hier zahlreiche farbenprächtige Libellen zuhause.

Gegenüber dem Folienteich ebenfalls direkt am Hauptweg, stehen wir vor dem Ehrenhain der Gefallenen des I. Weltkrieges (6). Diese Anlage ist von einer Hain-Buchenhecke umgeben. In der Mitte der Anlage steht eine ca. 80 Jahre alte Stiel-Eiche, an deren Fuß ein großer steinerner Eichenlaubkranz ruht. Die Grabsteine, ebenfalls in Form von Eichenlaubkränzen, gruppieren sich halbkreisförmig um die Eiche bzw. liegen direkt vor der Hain-Buchen-Hecke. Die Anlage ist in den letzten Jahren neu gestaltet worden und die aus Naturstein bestehenden Grabsteine wurden wieder instand gesetzt.

Dem aufmerksamen Spaziergänger wird es nicht entgehen, dass sich auf der Ostseite des Friedhofs einige Wiesen und Grünanlagen befinden, die einen nicht so gepflegten Eindruck machen wie die Flächen der Westseite. Dies ist aber gewollt, denn diese Flächen dienen dem Artenschutz und sind teilweise auch als solche gekennzeichnet („Igelschild“: Fläche dient, extensiv gepflegt und weitgehend naturbelassen, Artenschutz) (7).
Auf vielen dieser Flächen befinden sich Kriegsgräber, die z. Z. nicht sichtbar sind. Es ist aber beabsichtigt, diese Gräber in Etappen wieder darzustellen. Neben den Kriegsgräberstätten gibt es auf dieser Seite nur wenige andere Grabanlagen. Damit ist in diesem Teil des Friedhofes der Parkcharakter mit naturnahen Flächen besonders stark ausgeprägt.
Diese Flächen sind wertvoller Lebensraum für verschiedene Vogelarten und andere Tiere. Sowohl diese Flächen als auch die naturbelassenen Gebiete rund um den Friedhof herum tragen dazu bei, dass hier noch Greifvögel, Feldhasen u. a. Tiere vorkommen. Auch Vogelarten, die dichte, unterholzreiche Wälder bevorzugen, wie die Nachtigallen, finden hier einen idealen Lebensraum. Zahlreiche Nistkästen schaffen ebenfalls gute Voraussetzungen für das Brutgeschäft der Vögel.
In den trockneren Regionen begegnet uns ab und zu auch die Zaun-Eidechse. Ihr Lebensraum sind trockene Böschungen, Hecken, Feldraine, Waldränder, Grasflächen und Mauern. Auf den genannten Flächen ist eine vielfältige Vegetation vorhanden, die teilweise den Charakter einer Wiese, einer Hochstaudenflur oder eines Vorwaldes hat.

Grabstein für die am 12. März 1919 ermordeten Matrosen Fritz und Albert GastWenn wir den Hauptweg, der mit seinen zahlreichen Bänken immer wieder zum Verweilen einlädt, weiter bis zum 2. Weg hinter dem Ehrenhain für die Gefallenen des I. Weltkrieges laufen und dann links einbiegen, gelangen wir zu dem Grabstein der Brüder Gast (8) mit der Inschrift: Dem Gedenken der am 12. März 1919 vom Freikorps Lüttwitz ermordeten Matrosen Gebrüder Fritz u. Albert Gast. Eine Gedenktafel befindet sich auch in der Möllendorffstraße (Rathaus-Park) in Berlin-Lichtenberg, dem Ort, an dem die Matrosen erschossen wurden.
5.3 Grabstein für die am 12. März 1919 ermordeten Matrosen Fritz und Albert Gast
 Gehen wir in Richtung Norden, so gelangen wir zu den Urnenanlagen, die eine anonyme Beisetzung ermöglichen (9). Die mit Bänken ausgestattete schön gestaltete Anlage wird von den Bürgern sowohl zum stillen Gedenken als auch zur Erholung genutzt.

Wieder zurück auf dem Hauptweg, stoßen wir direkt auf einen, durch Wacholder fast verdeckten OdF-Gedenkstein mit der Inschrift: 46 Menschen starben damit wir leben (10). Er wurde für 46 Menschen errichtet, die dem Faschismus aktiv Widerstand geleistet haben und deshalb hingerichtet wurden oder an den Folgen der Folterungen starben. Auf 46 Grabplatten sind ihre Namen, Geburts- und Sterbedaten genannt.

Hinter dieser Anlage befindet sich ein wertvolles Biotop. Das Kernstück dieser Fläche bildet ein steilwandiges Regenrückhaltebecken (11). Sind die Niederschlagsmengen gering, kommt es vor, dass das Becken in den Sommermonaten trockenfällt. Am Uferrand finden wir Zeigerpflanzen für frischfeuchte nährstoffreiche Standorte wie Hain-Gilbweiderich, Gemeiner Blutweiderich, Hain-Rispengras, Gemeines Rispengras u. a. Sowohl die vorhandenen Bäume am Weiher als auch der Unterwuchs an Gehölzen führt durch starke Beschattung dazu, dass sich kaum eine Krautschicht entwickeln kann. Gedenkstein für die Sinti und Roma

5.4 Gedenkstein für die Sinti und Roma

Geht man den Hauptweg weiter, vorbei an Grabfeldern, Urnenstellen und extensiv gepflegten Flächen, so gelangt man zu einem kleinen Anstieg. Der Weg auf der rechten Seite, kurz vor dem Anstieg, bringt uns direkt an die Gedenkstätte für die Sinti und Roma (12). Der dort vorhandene Gedenkstein ist ein Werk des Bildhauers Jürgen Rave. Der Stein wurde 1986 anläßlich des 50. Jahrestages der Schaffung des „Zigeunerrastplatzes“ aufgestellt. Neben dem Gedenkstein befindet sich eine Tafel mit folgender Inschrift:
Auf einem ehemaligen Rieselfeld nördlich dieses Friedhofs richteten die Nazis im Vorfeld der Olympischen Spiele 1936 einen „Zigeunerrastplatz“ ein, auf dem Hunderte Sinti und Roma gezwungen wurden zu leben. Zusammengepfercht in düstere Baracken fristeten die Lagerbewohner ein elendes Dasein. Harte Arbeit, Krankheit und Hunger forderten ihre Opfer. Willkürlich wurden Menschen verschleppt und verhaftet. Demütigende „rassenhygienische Untersuchungen“ verbreiteten Angst und Schrecken. Im Frühjahr 1943 wurden die meisten der „Festgesetzten“ nach Auschwitz deportiert. Männer und Frauen, Greise und Kinder. Nur wenige überlebten.
Der Gedenkstein steht inmitten einer extensiv gepflegten Kriegsgräberanlage, auf der die Gräber teilweise bereits wieder dargestellt sind. Weitere Kriegsgräber befinden sich z. Z. noch unter den naturbelassenen Flächen (13).

Weiter auf dem Hauptweg, an einem Rondell vorbei, gelangen wir zum Sowjetischen Ehrenhain (14). Er wurde nach Plänen des Gartenarchitekten Johannes Mielenz und des Bildhauers Erwin Kobbert in Absprache mit der Sowjetischen Stadtkommandantur errichtet und am 7. November 1958 eingeweiht. Das Kernstück des Ehrenhains bildet ein 10 m hoher Obelisk aus rotem Granit.

Obelisk im Sowjetischen Ehrenhain

5. 5 Obelisk im Sowjetischen Ehrenhain

An der Westseite der Anlage, gegenüber dem Obelisk befindet sich in einer Pergola-Anlage eine Urne aus Muschelkalkstein. Sie beinhaltet 125 Urnen mit der Asche von im II. Weltkrieg gefal-lenen sowjetischen Soldaten und Offizieren. Die Urne und der Obelisk sind durch einen Weg miteinander verbunden.
Der gesamte Ehrenhain ist von einer Hain-Buchen-Hecke umgeben. Unmittelbar vor der Hecke stehen etwa 45 Jahre alte Birken, die in einigen Fällen durch Neupflanzung ergänzt wurden. Durch die großen Rasenflächen sowohl unmittelbar vor als auch innerhalb der Anlage und die Pflanzung der Birken am Rande, entsteht der Eindruck von Großzügigkeit und Weite.
Im Gegensatz zu der gesamten anderen Friedhofsanlage ist hier einer der wenigen Orte, der einer intensiven Sonneneinstrahlung ausgesetzt ist. Dies wirkt sich auch auf die Vegetation aus. Hier finden wir u. a. Wiesen-Margerite, Tauben-Skabiose, Scharfen Mauerpfeffer, Sand-Thymian und Heide-Nelken, alles Pflanzen der Trocken- und Halbtrockenrasen.
Rechts und links des Hauptweges sind Rotdorn-Bäume gepflanzt. Dahinter befinden sich üppige Rhododendren. Rechts und links der Seitenwege wurden ebenfalls Rotdorn-Bäume gepflanzt, was die Geometrie der Anlage unterstreicht.
Am Weg zwischen Obelisk und Urne befinden sich Offiziersgräber. Sie sind zwischen Rosen und Zwerg-Mispeln eingelassen. Eingefasst wird dieser Teil der Anlage durch eine geschnittene Thuja-Hecke, die durch die sich dahinter befindlichen Berberitzen und Hunds-Rosen aufgelockert wird. Weitere Grabstätten sowjetischer Bürger befinden sich im linken Teil der Anlage vor der Hain-Buchen-Hecke.

Romantischer Weg in Richtung S-Bahnhof Raoul-Wallenberg-Straße
5. 6 Romantischer Weg zum Ausgang in Richtung S-Bahnhof Raoul-Wallenberg-Straße

Nach Verlassen des Sowjetischen Ehrenhains befinden wir uns wieder auf dem Hauptweg, gehen weiter nach links in Richtung Ausgang. Hier haben wir noch einmal Gelegenheit, unter schattenspendenden Bäumen unsere Eindrücke zu verarbeiten.
Der Parkfriedhof Marzahn ist als Gartendenkmal in der Denkmalliste Berlin verzeichnet. Darüber hinaus wurden die genannten Gedenkstätten in die Bezirksliste der Geschützten Denkmäler aufgenommen.

Anlage 5: Plan Parkfriedhof Marzahn

Plan Parkfriedhof Marzahn Plan Parkfriedhof Marzahn (vergrößerte Darstellung)
nach oben

Fenster schließen